Hoher Anteil echter Lernzeit

Es ist eine typische Szene, die vermutlich täglich auf so ziemlich jedem Trainingsplatz beobachtet werden kann: Ein Spieler eine Jugendmannschaft dribbelt mit einem Ball durch einen Hütchen- oder Stangenparcours, spielt einen Doppelpass mit dem Trainer und schließt die Übung mit einem Schuss auf das von einem Mitspieler gehütete Tor ab. Während dieser Spieler seinen Ball holt und sich wieder am Start anstellt, wo bereits der Rest der Mannschaft – so um die acht bis zehn andere Kinder – wartet, startet der nächste Spieler in die Übung. Nach ungefähr zehn Minuten, wenn jeder Spieler fünfmal an der Reihe war, beendet der Trainer diese Übung. Eine andere Szene, ebenso typisch: Der Trainer teilt die 14 Spieler seiner E-Jugend in zwei Mannschaften ein und lässt diese zum Abschluss des Trainings auf dem normalen Kleinfeld im freien Spiel 7-gegen-7 gegeneinander antreten. Viele Trainer und Außenstehende wären mit Sicherheit der festen Überzeugung, dass in beiden Beispielen die Trainingszeit optimal genutzt würde. Aber ist das auch wirklich so?

Tatsächlich ist nämlich genau das Gegenteil der Fall. Im erstgenannten Beispiel kommen zwar alle Kinder gleichermaßen dazu, ihre technischen Fertigkeiten hinsichtlich des Dribbelns und Schießens zu trainieren, aber fünf Durchläufe in zehn Minuten sind viel zu wenig, um dabei einen echten Lerneffekt zu erzielen. Stattdessen stehen die Spieler die meiste Zeit untätig an und warten, bis sie wieder an die Reihe kommen. Und beim beschriebenen Trainingsspiel verhält es sich so, dass in aller Regel ein Spieler am Ball aktiv ist, vielleicht ein oder zwei Mitspieler mit ihm mitlaufen und sich für ein Anspiel anbieten, während zwei Gegenspieler versuchen, diesen Angriff zu unterbinden. Die restlichen neun bis zehn Spieler sind jedoch völlig unbeteiligt und fungieren lediglich als passive Beobachter. Je nach dem vorhandenen Leistungsgefälle innerhalb einer Mannschaft kann es auch schon mal vorkommen, dass ein leistungsschwächerer Spieler während eines solchen halbstündigen Trainingsspiels gerade einen oder zwei Ballkontakte hat. Mit Blick auf die wenige Trainingszeit, die einem Trainer in einem Breitensportverein zur Verfügung steht – im Normalfall dürften dies pro Woche zweimal 90 Minuten sein – ist dies absolut inakzeptabel, weil nicht effizient.

Ziel eines jeden Trainers muss es sein, dass alle seine Spieler während dieser 180 Minuten Training pro Woche möglichst permanent mit dem Ball beschäftigt, auf alle Fälle aber aktiv am Geschehen beteiligt sind. Das kann beispielsweise dadurch erreicht werden, indem Übungen mindestens zweimal aufgebaut werden. Im ersten Beispiel könnte so die Anstehzeit der Kinder halbiert und die Anzahl der Durchläufe mindestens verdoppelt werden. Generell ist die Anzahl der Wiederholung eine wesentliche Maßzahl für die Effektivität des Trainings: Je mehr Wiederholungen, desto größer der Trainingseffekt – Spieler lernen mit jeder Wiederholung und mit jedem Ballkontakt! In Spielformen spielt die Aktivierung der Spieler eine wesentliche Rolle. Im beschriebenen Spiel 7-gegen-7 sind zwar 14 Spieler auf dem Feld unterwegs, aber nur die wenigsten von ihnen sind tatsächlich aktiv – geistig und/oder körperlich – am Geschehen beteiligt. In diesem Fall ließe sich die Aktivierung der Spieler erhöhen, indem der Trainer schlichtweg mit mehreren Bällen gleichzeitig spielen ließe. Grundsätzlich eignen sich für das Nachwuchstraining eher Spielformen mit geringen, gerne auch ungleichen Mannschaftsstärken auf kleinen Spielfeldern – ein typischer Slogan hierzu lautet „den Straßenfußball ins Training holen.“ Im Bereich der F-Jugend sollte maximal 3-gegen-3 auf vier Minitore (ohne Torwart) gespielt werden, in der E-Jugend höchstens 4-gegen-4.

Aber nicht nur die Organisation der Übungs- und Spielformen sind maßgeblich für das Erreichen einer möglichst hohen echten Lernzeit. So spielt es auch eine Rolle, wie viel Zeit ein Trainer damit verbringt, seinen Spielern Übungen zu erklären und zu demonstrieren. Komplizierte Übungen und Spiele benötigen mehr Erklärung, als einfach gehaltene – mehr Zeit zum Erklären bedeutet weniger Zeit zum Üben bzw. Spielen. In diesem Punkt kann ein Trainer die Effizienz beispielsweise dadurch erhöhen, indem er auf bereits bekannte Übungs- und Spielformen zurückgreift und diese einfach etwas variiert. Auch die bei der Strukturierung des Trainings bereits angesprochene Einführung von Signalen und Ritualen ist hier hilfreich. So lassen sich kurze Umbauphasen während des Trainings hervorragend dadurch überbrücken, indem der Trainer seinen Spieler mit einem kurzen Signalwort ansagt, womit sich diese währenddessen beschäftigen sollen: Auf einen Pfiff und das Kommando „Flugbälle!“ hin beginnen die Spieler eigenständig damit, sich gegenseitig Flugbälle zu zu spielen, während der Trainer das Setup für die nächste Übung verändert.

Zum Thema „Setup“ des Trainingsplatzes sei außerdem noch angefügt, dass es natürlich von Vorteil ist, den Platz schon vor Trainingsbeginn vorzubereiten und alle Übungen vorab aufzubauen – die so gewonnene Zeit lässt sich stattdessen besser zum gezielten Üben nutzen. Generell gilt: Die Zeit vor Trainingsbeginn dient dem Trainer ausschließlich der unmittelbaren Trainingsvorbereitung und nicht für andere Dinge, wie zum Beispiel Elterngespräche. So etwas kann nach dem Training erledigt werden, nicht aber davor oder gar währenddessen.

Zuletzt spielt natürlich die Frage der Disziplin eine große Rolle. Erfahrungsgemäß geht immer wieder sehr viel wertvolle Zeit durch Disziplinlosigkeiten und daraus resultierende Störungen verloren. Deswegen müssen klare Regeln eingeführt werden, auf deren konsequente Einhaltung geachtet wird und deren Nichteinhaltung dementsprechende Konsequenzen nach sich zieht. Am besten aber lassen sich Störungen aber immer noch dadurch vermeiden, indem man die Kinder beschäftigt. Deswegen gilt: Kurze Anstehzeiten, viele Wiederholungen, möglichst kurze, aber verständliche Erklärungen, Unterbrechungen vermeiden (wobei jedoch kurze Verschnauf- bzw. Trinkpausen sein müssen!) und die Aktivierung hochhalten.

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