Lernförderliches Klima

Das unbedingte Streben nach dem schnellen Erfolg, das Um-jeden-Preis-gewinnen-wollen ist eines der größten Übel des Nachwuchsfußballs. Schon im Kindesalter wird der Fußballnachwuchs auf Sieg „getrimmt“ und an einem völlig falschen Maßstab gemessen, nämlich dem Fußballspiel erwachsener Profisportler. So wird von Trainern und Eltern gebrüllt und geschrien, was die Lungen hergeben. Fehler sind verboten, Schwäche wird nicht toleriert, denn schließlich zählt nur die Leistung, also der sportliche Erfolg in Form von Siegen. Zwar wird nach außen hin meist der „Spaß am Spiel“ als oberstes Ziel deklariert, wehe aber, wenn die Kinder im Training nicht spuren und nicht exakt das machen, was von ihnen verlangt wird! Und wehe, wenn am Ende eines Wettspiels das Ergebnis nicht den Vorstellungen der Erwachsenen entspricht! Tatsächlich aber ist dieses Gebrüll und Geschrei nicht hilfreich, und auf die Kinder Druck auszuüben ist für diese nicht motivierend, sondern für ihre sportliche Entwicklung eher kontraproduktiv.

Kinder brauchen zum Lernen und um sich sportlich weiterentwickeln zu können ein Klima, in dem sie sich angenommen fühlen, so wie sie sind, in dem sie sich geborgen fühlen und in dem sie angstfrei neue Dinge entdecken, ausprobieren und üben können, auch wenn dabei nicht immer alles auf Anhieb perfekt klappt. Es gehört zu den obersten Aufgaben des Trainers, für ein derartiges Klima zu sorgen. Dabei spielt im Wesentlichen sein eigenes Auftreten eine entscheidende Rolle: Der Trainer muss seinen Spielern ein Vorbild in Sachen Disziplin, Verhalten und Sprache sein. Es ist seine Aufgabe, die Kinder zu einem respektvollen Umgang gegenüber den eigenen Mitspielern und Trainern, gegenüber den Mitgliedern der gegnerischen Mannschaft und dem Schiedsrichter anzuleiten, in dem er ihnen genau diesen Respekt jederzeit vorlebt. Der Trainer lebt den Kindern Disziplin vor, in dem er beispielsweise beim Training als Erster da ist und als Letzter wieder geht. Der Trainer achtet auf seine Sprache und seine Wortwahl: Er flucht nicht und benutzt keine „bösen Wörter“, stattdessen wählt er eine verständliche, altersgerechte Ausdrucksweise. Der Trainer ist das Vorbild, an dem sich seine Spieler orientieren können müssen.

Natürlich ist es in diesem Zusammenhang auch wichtig, für alle Personen innerhalb der Mannschaft und in deren Umfeld – Spieler, Trainer und Eltern – klare Regeln aufzustellen, die für alle gleichermaßen verbindlich gelten. Verstöße gegen diese Regeln müssen dann selbstverständlich auch Konsequenzen nach sich ziehen, die dem Vergehen angemessen und nach Möglichkeit auch vorab transparent nach außen kommuniziert worden sein sollen. Während beispielsweise das „Schwätzen“ während der Traineransprache eine Strafrunde oder ein paar Liegestütze zur Folge haben kann, führt das unentschuldigte Fehlen beim Training automatisch zum Ausschluss vom nächsten Spiel.

Wichtig für ein lernförderliches Klima ist auch das Beherzigen einer modernen Fehlerkultur: Fehler sind nichts Falsches, sondern vielmehr wertvolle Hinweise auf Dinge, die noch verbessert werden können. Gerade aber die Einstellung vieler Erwachsenen, die Kinder müssten lernen, um jeden Preis zu gewinnen, steht einer solchen Fehlerkultur entgegen. Wenn Kinder bei jedem missglückten Trick oder bei jedem gescheiterten offensiven Zweikampf 1-gegen-1 vom Spielfeldrand aus geschimpft und angebrüllt werden, dann werden sie nichts mehr riskieren, keine neuen Dinge mehr im Spiel ausprobieren und letztendlich gänzlich auf die Vermeidung von Fehlern bedacht sein. Wenn das aber passiert, dann können diese Kinder nur noch schwerlich etwas Neues lernen, sich spielerisch nicht mehr weiterentwickeln und dadurch keine besseren Fußballspieler mehr werden. Somit steht das Streben nach kurzfristigen Erfolgen der fußballerischen Entwicklung des Fußballnachwuchses entgegen. Besser ist es dagegen, die Kinder für gelungene Aktionen zu loben, und sie nach missglückten Aktionen dahingehend zu ermuntern, es weiterhin zu probieren und ihnen vielmehr eine konstruktive Rückmeldung zu geben.

Lob und Kritik, bzw. das richtige Loben und das richtige Kritisieren sind wichtige Faktoren bei der Erzeugung eines lernförderlichen Klimas. Klassische Lobesfloskeln wie zum Beispiel „gut gemacht“, „super“ oder „ganz toll“ sind zwar nett gemeint, nutzen sich aber auch relativ schnell ab. Besser ist es, einen Spieler zur Seite zu nehmen und ihm unter vier Augen im Einzelgespräch ein Feedback zu geben – das gilt sowohl für Lob, als auch für Kritik. Ein Lob, bei dem der Spieler ganz konkret zurückgemeldet bekommt, was er gut gemacht hat und warum dies gut war, besitzt eine viel größere Authentizität als jede Standardfloskel. Und konstruktive Kritik unter vier Augen kann von einem jungen Fußballer besser verarbeitet und anschließend besser beherzigt werden, weil er dadurch nicht vor seinen Mitspielern bloßgestellt wird. Ein guter Trainer braucht vor allem aber auch ein Gespür für die richtige Ansprache, denn jeder Mensch ist anders.

Für das Klima in der Mannschaft ist es auch wichtig, dass jeder Spieler das Gefühl hat, die gleiche Wertschätzung zu erfahren, wie jeder andere seiner Mannschaftskameraden auch. Niemand zählt mehr – niemand zählt weniger. So sollte beispielsweise durch ein entsprechendes Rotationssystem von der F- bis zur D-Jugend jeder Spieler einer Mannschaft nach Möglichkeit die gleiche Spielzeit bekommen, unabhängig von seiner Leistungsstärke und unabhängig von Spielstand und Spielverlauf. Auch eine zu frühe Spezialisierung der Kinder ist abzulehnen, sowohl was die Positionen auf dem Spielfeld (Torwart, Stürmer etc.), als auch was die Rollen im Spiel (Kapitän, Freistoßschütze etc.) betrifft. Jeder muss die Gelegenheit haben, alles auszuprobieren, alles zu lernen und alles in der Praxis zur Anwendung zu bringen.

Für ein gutes lernförderliches Klima gibt es einen ganz klaren Indikator: Der Spaß, mit dem alle Beteiligten bei der Sache sind! Der vielbeschworene Spaß kann zwar nie das Hauptziel eines Trainers sein – sportlich-inhaltliche Lernziele haben immer den Vorrang! – aber langfristig gesehen sollten die Kinder gerne ins Training gehen und Freude am Fußball haben – das ist die beste Voraussetzung dafür, dass sie sich menschlich und sportlich gut entwickeln.

%d Bloggern gefällt das: