Wach auf, FC Bayern!

Es war offenbar nur ein kurzes Strohfeuer, das schnell wieder erlosch, dieses durchaus überzeugende 3:0 beim FC Schalke 04. Aber nach dem völlig überraschenden Unentschieden im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg, bei dem man eine scheinbar sichere 2:0-Pausenführung verspielte und sich am Ende mit den Wölfen die Punkte teilen musste, werden die Diskussionen der vergangenen Wochen schneller wieder aufkommen, als dies den Bayernverantwortlichen lieb sein dürfte.

Im Zentrum dieser Kritik wird erneut vor allem Trainer Carlo Ancelotti stehen. Als Mensch mag der Italiener ja durchaus ein Supertyp sein, aber sportlich bringt er die Mannschaft nicht weiter. In der Offensive wirkt das Starensemble aus München oft ideenlos, in der Defensive dagegen zu leicht verwundbar, was sich durch den langfristigen Ausfall von Torwart Manuel Neuer wohl auch nicht so schnell ändern wird. Vom spielerischen Glanz und der taktischen Variabilität der Ära Guardiola ist aber mittlerweile nicht mehr viel übrig. Zuletzt ist es für Bayernfans eher zu einer Qual geworden, der eigenen Mannschaft zuzusehen. Seit dem Amtsantritt von Carlo Ancelotti hat sich diese fußballerisch nicht weiterentwickelt, im Gegenteil: Man fühlt sich in die Spätphase der Zeit unter Louis van Gaal zurückversetzt, unter dem die Bayern speziell in der Rückrunde seiner ersten Saison zwar brillierten, später aber stagnierten und auf dem Platz nur noch statisches, uninspiriertes Ballgeschiebe praktizierten. Hinzu kommt, dass die Spieler sich auch hinsichtlich ihrer individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht verbessern, sich teilweise sogar wieder zu verschlechtern scheinen. So ist beispielsweise das einst gefeierte (und derzeit verletzte) Supertalent David Alaba nur noch ein Schatten seiner selbst, der vor einem Jahr noch als größtes Talent Europas angepriesene Portugiese Renato Sanches wurde inzwischen zum FC Swansea in die englische Premier League verliehen und Joshua Kimmich profitiert nach einem verlorenen Jahr möglicherweise auch nur vom Karriereende eines Philipp Lahm – man darf durchaus bezweifeln, dass er auch Stammspieler geworden wäre, hätte Ex-Bayernkapitän Lahm noch ein Jahr drangehängt.

Auch abseits des Platzes scheint vieles aus den Fugen geraten zu sein. Torjäger Robert Lewandowski kokettiert ganz unverhohlen in den Medien mit einem möglichen Wechsel, Publikumsliebling und Identifikationsfigur Thomas Müller ist mit seiner Rolle unter Ancelotti unzufrieden und tat dies durch die Blume nach dem Spiel in Bremen auch schon kund und Franck Ribéry ließ seiner schlechten Laune nach seiner Auswechslung beim glanzlosen Sieg gegen Anderlecht recht eindrucksvoll freien Lauf. All dies lässt den Eindruck entstehen, dass es in der Mannschaft derzeit nicht mehr stimmt und Trainer Ancelotti einiges aus dem Ruder läuft. An dieser Stelle hätte er Unterstützung von Sportdirektor Hasan Salihamidzic nötig, in dessen Zuständigkeit es fällt, sich um derartige Angelegenheiten zu kümmern. Dieser wurde im Sommer zur großen Überraschung der meisten Beobachter – tatsächlich dürften wohl nur die wenigsten Experten „Brazzo“ auf dem Radar gehabt haben, nachdem Philipp Lahm und Max Eberl abgesagt hatten – mit dem seit dem Ausscheiden von Matthias Sammer vakanten Posten betraut. Ob Salihamidzic jedoch der richtige Mann für diesen Posten ist, das scheint eher fraglich zu sein. Erfahrung bringt er auf diesem Gebiet jedenfalls keine mit, gilt allerdings als loyal gegenüber den Herren Hoeneß und Rummenigge – es drängt sich ein bisschen der Verdacht auf, dass diese keinen starken Mann neben sich dulden, woran dann wohl auch die möglichen Verpflichtungen von Lahm und Eberl scheiterten. Der gute „Brazzo“ hingegen wird treu ergeben ausführen, was seine Bosse ihm auftragen – das jedenfalls dürfte es sein, was man beim FCB unter Loyalität versteht. Bei allem Respekt vor dem Menschen und Ex-Spieler Hasan Salihamidzic: Er ist für diese Position der falsche Mann. Und nachdem im Sommer dann auch noch der als absolutes Transfergenie und „Mastermind“ angesehene Kaderplaner Michael Reschke den FC Bayern in Richtung Stuttgart verließ, und seine Aufgaben nun wohl vom Sportdirektor übernommen werden sollen, könnte sich die Personalie Salihamidzic langfristig sogar noch als richtig große Fehlentscheidung herausstellen.

Verantwortlich für diese Fehlentscheidung wäre dann die Vereinsführung, allen voran der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge und der Vorsitzende des Aufsichtsrats und Bayernpräsident Uli Hoeneß. Ersterer war in Reihen der Fans ohnehin noch nie ganz unumstritten, wird aber mit Sicherheit solange im Amt bleiben, solange wirtschaftlich und sportlich alle Dinge wie gewohnt weiterlaufen. Vermutlich wird Rummenigge den Zeitpunkt der Beendigung seiner Tätigkeit irgendwann selbst festlegen. Hoeneß hingegen ist von der Mitgliederversammlung des FC Bayern München e. V. gewählt. Genau hier liegt aber das Problem: Die überwiegende Mehrheit der Fans vergöttert ihren Uli, d. h. solange er sich zur Wahl stellt, wird er immer wiedergewählt. Genau diese Wiederwahl im Herbst 2016 aber war ein großer Fehler, auch wenn die überwiegende Mehrheit der Bayernanhänger dies vehement leugnen würde. Denn nun ist Hoeneß wieder da und mischt sich aktiv in Angelegenheiten ein, die ihn gar nichts angehen und für die er nicht zuständig ist, weder als Aufsichtsratsboss, noch als Vereinspräsident. Aber er darf ungehindert gewähren, denn schließlich ist er Uli Hoeneß, der fleischgewordene FC Bayern. Sicher: Seine Verdienste für den Verein in der Vergangenheit sind unbestritten und die Bayern wären ohne ihn niemals das geworden, was sie heute sind. Aber Hoeneß ist längst nicht mehr der Innovator vergangener Tage: Seine Zeit ist schlicht und ergreifend vorbei. Der FC Bayern sollte schleunigst lernen, sich von ihm zu emanzipieren – zur Zeit eines Matthias Sammer war man dazu auch bereits auf einem guten Weg. Aber heute hinkt der FC Bayern in vielen wichtigen Bereichen seiner Konkurrenz hinterher: Borussia Dortmund hat das bessere Scouting, RB Leipzig das bessere Marketing und 1899 Hoffenheim die bessere Nachwuchsabteilung (darüber kann auch der neue Campus nicht hinwegtäuschen: Ohne ein modernes Aubildungskonzept, das Spezialtrainer und die Einbindung von Sportwissenschaftlern beinhaltet, wird dieser nur ein Placebo bleiben.)

Wenn der FC Bayern einen Umbruch braucht (und dass dies so ist, kann kaum angezweifelt werden), dann muss dieser ganz oben im Verein beginnen. Die Bayern brauchen dringend frisches Blut und neue Ideen. Kommen könnten diese zum Beispiel von einem Vorstandsvorsitzenden Oliver Kahn und einem Sportvorstand Philipp Lahm. Dazu ein junger, innovativer Trainer, der für modernen und gleichzeitig attraktiven Fußball steht. Aber damit es dazu kommen kann, muss der FC Bayern endlich aufwachen, allen voran seine Fans und seine Mitglieder. Denn sonst ist die heutige Vormachtstellung in Gefahr: In Deutschland und in Europa sowieso. Ansonsten wird man eines Tages nur noch an die vergangenen glorreichen Zeiten zurückdenken können und sich wehmütig daran erinnern, wie es war, als man um die großen Titel mitspielte.

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